Predigt zum Sonntag, den 09. August 2020 (9. Sonntag nach Trinitatis)

Predigt zu Markus 2,1-12

Liebe Gemeinde,
von Menschen mit einer tiefen Sehnsucht ist heute zu hören und von Männern
mit dem Wunsch nach Erlösung ist zu reden. An Elia (1.Könige19,1-8) wurden
wir in der Lesung erinnert: Erschöpft liegt er da und kann nicht mehr, weiß
nicht mehr weiter. Todes-sehnsucht wird in ihm wach – dann wäre wenigstens
alles vorbei. Aber Gott will Leben – sein Leben. Er schickt ihm das Einfachste
und zugleich Beste: Nahrung zum Aufstehen und Weitergehen. Doch es reicht
Elia nicht. Nicht genug Aufmerksamkeit, nicht genug Zuwendung, nicht genug
Essen. Gott legt nach. Seine beharrliche Liebe macht Elia klar: Gott will, dass
ich lebe und weitergehe. Und Elia steht auf, geht – und predigt diese
Botschaft. Er hat dazu beigetragen, dass sie sich festsetzt in den Herzen und
Köpfen der Menschen – über Jahrhunderte hinweg.

Zum Beispiel in den Herzen und Köpfen der vier Männer, von denen der
heutige Predigttext erzählt. Sie haben einen kranken Freund, er ist gelähmt,
kann nur noch auf seinem Bett liegen. Seine Freunde aber haben sich diesen
Keim der Hoffnung bewahrt, dass es wieder anders mit ihm werden könnte,
dass das Leben sich für ihn wendet. Ganz ohne Worte - schweigend sind sie
entschlossen, dazu ihren Beitrag zu leisten.
Als Jesus in ihre Stadt Kapernaum kommt, spricht sich das schnell herum,
auch die Männer haben das gehört. Alle wollen zu Jesus. Das Haus, in dem
Jesus predigt, ist völlig überfüllt. Viele stehen draußen, denn sie kommen nicht
ins Haus hinein. Was tun? Umkehren? Die Hoffnung aufgeben? Nein, das
kommt nicht in Frage. Sie sehen Hilfe suchend umher. Da fällt ihr Blick auf die
Außentreppe, die auf das flache Dach des Hauses führt. Sie reden immer
noch nicht, sondern steigen der Menge, steigen Jesus, aufs Dach. Schnell
haben sie einen Teil des Daches freigelegt, groß genug für ihr Vorhaben, die
Trage mit dem Gelähmten nach unten zu lassen, genau vor Jesu Füße.
Und jetzt heißt es im Text: „Als Jesus ihren Glauben sah …“
Woran sieht Jesus ihren Glauben?

Er sieht ihn an dem, was sie tun, hartnäckig, zielstrebig und einfallsreich. Und
er spürt ihr Vertrauen und ihre Hoffnung. Ja, Glaube hat mit Beharrlichkeit zu
tun. Glaube ist keine Eintagsfliege, sondern ein Langzeit- ein Lebensprojekt!
Die Freunde müssen jetzt aber auch ihre Grenzen erkennen: Bis hierhin
haben sie für ihren Freund getan, was ihnen möglich ist. Nun soll Jesus weiter
machen. Und das tut er! Wenn zunächst auch anders als erwartet. Natürlich
hatte er aufgehört zu predigen, war selbst ganz still geworden als alle erst an
die Decke und dann auf den Gelähmten starren. Doch jetzt bricht er das
Schweigen, ist er es, der die befreienden Worte spricht. In die Stille hinein sagt
er: „Mein Sohn, / mein Kind, … “ Das sind die ersten Worte, die in dieser
Geschichte gesprochen werden. Es sind die Worte, die die Lähmung beenden,
es sind er­lösenden Worte: „Mein Sohn / mein Kind, …“
Ja, sie sind das Bindeglied in unserer Geschichte zwischen dem lähmenden
Schweigen, der Lähmung und der Heilung. Wenn Jesus zuerst sagt, „mein
Sohn / mein Kind“, dann sind das die Worte, die der Gelähmte braucht, um
aus seiner Festlegung auf das Krank-Sein, die er wohl seit seiner Kindheit
erlebt hat, gelöst zu werden. Anders gesagt: Jesus geht mit dem Gelähmten
auf die Suche nach dem verlorenen Kind im Mann - und schlüpft dabei selbst
in die Vaterrolle.
So kann der Gelähmte ein neues Vater-Sohn-Verhältnis erleben. War das
Vater-Sohn-Verhältnis des Gelähmten bisher von Unterordnung, Bestrafung
und Ausgrenzung all derer, die nicht „systemrelevant“ waren, so erlebt er nun,
dass Vater sein auch anderes gelebt werden kann. Denn in Jesus begegnet
ihm der liebende, annehmende, unterstützende, aufrichtende und ermutigende
Vater. „Mein Sohn / mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben“ - das heißt:
Du bist richtig, so wie du bist! Du kannst die Zwänge vergessen, kannst deine
Lähmungen ablegen und darfst deine Rolle neu finden.-
Jesus gibt das Beste, was er zu geben hat: die Vergebung der Sünden und
das ist nichts anderes als das Angebot, die Einladung zu einer Beziehung mit
Gott. Aber wir Menschen haben andere Vorstellungen davon, was das Beste
für uns ist. Die Sehnsüchte sind anders. Gesund werden. Heil sein.
Von quälendem Leiden erlöst sein. Und Elia wollte sogar einfach tot sein.
Das erschien ihm das Beste. Auch der Gelähmte sieht das Geschenk nicht.
Jesus sieht das. Und auch Jesus legt nach. Er sagt: „Steh auf, nimm dein Bett
und geh.“ Da steht der Mann auf, nimmt sein Bett und geht.

Liebe Gemeinde,
es wird immer wieder Dinge im Leben geben, die uns lähmen und einengen.
Ich wünsche uns, dass wir zu Zeugen solcher „Auferstehungsgeschichten“
werden: dass sich lösen kann, was uns blockiert, dass wir, getragen von den
Menschen und Gott, getragen zu Gott - wie der Gelähmte -, immer wieder frei
werden und neu anfangen können und andere mit unserer Freiheit anstecken,
jedes Jahr, jeden Tag unseres Lebens.
Und der Friede Gottes höher als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und
Sinne in Christus Jesus. Amen.


Gebet
Gott, wir danken dir, dass du kein ferner Gott bist,
weit weg von uns und gleichgültig gegenüber unseren Problemen und Sorgen.
Du hast offene Ohren für unseren Schmerz, für unsere Hoffnungen und
verstehst auch unser Schweigen.
Darum bitten wir dich:
Für alle, für alle, die unter der Last ihres Lebens leiden,
die einsam sind in Krankenzimmern, Kliniken und Seniorenheimen.
Lass sie Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung empfangen.
Wir bitten dich für alle, die nicht mehr innehalten können,
die ganz gefangen sind in der Hektik und Betriebsamkeit ihres Alltags
und darüber die Sorge für ihren Leib und ihre Seele vergessen.
Lass sie Ruhepunkte in ihrem Leben entdecken.
Wir bitten für alle die,
die in sich selbst gefangen sind und sich wie gelähmt fühlen.
Lass sie durch andere Menschen Hilfe und Aufrichtung erfahren.
Und wir bitten dich für all die Schülerinnen und Schüler,
die Lehrerinnen und Lehrer
die nach langen Wochen wieder die Schule besuchen werden.
Lass sie Freude finden am gemeinsamen Lernen,
an der Zeit, die sie endlich wieder miteinander verbringen können.

Vater unser / Segen


Predigt zum Sonntag, den 02. August 2020 (8. Sonntag nach Trinitatis)

Heilung eines Blindgeborenen Joh 9,1-7
Predigt von Pfarrerin Birgit Rößle-König am 2. August 2020 in Much

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

den heutigen Predigttext kennen sicher viele. Er steht im Johannesevangelium Kapitel 9, Verse 1-7

Die Heilung eines Blindgeborenen
1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser‚
oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?
3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern
es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag
ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und
strich den Brei auf die Augen des Blinden.
7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt –
und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde

Ich habe 1,5 Jahre lang die Pfarrerin für Behindertenarbeit vertreten. Ganz
regelmäßig kam ich hier um die Ecke zum Eichhof. Waren Sie schon dort?
Am Tag der offenen Tür zum Beispiel?
Eine Runde von ca. 15 Erwachsenen Menschen kam immer zum Gottesdienst.
Mir sind diese Menschen und auch die in den verschiedenen Wohn-
gemeinschaften, die ich besucht habe, sehr ans Herz gewachsen.
Oder anders herum: Diese Menschen zeigten mir so deutlich ohne
Hintergedanken, ganz direkt von ihrem Herzen, dass sie MICH mögen und sich
sehr auf mich freuen. Ich wurde in den Arm genommen, an mir haben sie sich
manchmal auch ausgeweint, ich wurde angestrahlt. Als ich einmal fragte, was
ihnen wirklich wichtig ist im Leben, antworteten gleich 3 aus der Runde: der
Gottesdienst.
Als ich dort anfing, war ich noch von meinen 12 Jahren Wirtschaft innen
irgendwie verhärtet, auf der Hut. Diese Menschen haben MICH geheilt mit ihrer
Liebenswürdigkeit, ihrer ehrlichen Zuneigung.
Ich habe ihnen gesagt, dass Gott nach der Schöpfung sagte: uns siehe, es war
sehr gut. Ja, jeder Mensch, egal wie er aussieht, was er kann, ist von Gott
geliebt. Er findet uns sehr gut. Wie gut ist es, dass Gott nicht nach unserem
Maßstab von Leistung urteilt. Wenn er nach danach urteilt, wie groß und warm
das Herz ist, wie sehr man sich um andere sorgt und ihnen helfen will, dann
sind jene Gottesdienstbesucherinnen und –besucher auf jeden Fall vorne dabei.

Das ist das Erste, was mir am Text wichtig ist. Blindheit oder eine andere
Behinderung ist keine Strafe Gottes. Alles andere würde ich auch nicht
verstehen und von mir weisen.
Was haben die Theologen und Theologinnen alles angerichtet, die meinten,
dass man Krankheiten als Strafe sehen müsste. Als ich in einer Krebs-Klinik
gearbeitet habe als Seelsorgerin kam das so oft. Auch von jungen Frauen.
Auch von Menschen, die nicht mehr viel mit dem Glauben zu tun hatten.
Aber dieser Mist stieg wieder in ihnen hoch.
Nein, Behinderungen und Krankheiten zeigen nur, wie groß die Vielfalt von
Menschen ist, die Gott liebt und geschaffen hat.

Wir haben es mit dem Johannesevangelium zu tun. Deshalb geht es im
Predigttext nicht so sehr um den Menschen, der geheilt wird.

Johannes und sein Team haben fast ein Jahrhundert nach Jesus das Evangelium
geschrieben. Sie kannten schon die Texte, die kurz nach Jesu Tod entstanden
sind. Sie wollten aber noch ein Evangelium schreiben, dass anders ist. Es geht
um Jesus, der Licht in die Welt bringt, der selbst das Licht ist, durch den Gott
anwesend ist, der Verheißungen erfüllt. Für die Jüdinnen und Juden, die sich zu
Jesus bekennen, soll dieses Evangelium Stärkung sein. Nirgendwo sonst spricht
Jesus so eindrücklich und ausdrücklich davon, dass er selbst der Offenbarer, der
Gesandte ist.
Sehr viele Anspielungen sind im Text verborgen, die denen, die die hebräische
Bibel kennen, die Göttlichkeit von Jesus deutlich machen.
Jesus geht am Blinden vorbei – wie auch Gott bei seinen Erscheinungen
vorbeigeht.
Jesus nimmt Speichel und Erde zur Heilung. Der Speichel galt als heilend.
Aber mit der Erde zusammen erinnert es an die Schöpfung, wie Gott die Menschen formt.
Am Teich Siloah wurde schon Salomo zum König gesalbt, er gilt in der Tradition
als ein Teich der Heilung. Das Schöpfen von Wasser ist im Laubhüttenfest ein
vorwegnehmen der Heilung in Gottes Reich.
Und: Wenn Jesus handelt, werden Gottes Werke offenbar.
Jesus ist das Licht der Welt.

Jesus ist das Licht der Welt.
Und das in einer Geschichte von der Heilung eines Blinden. Das ist sicher
bewusst so von Johannes und seinem Team so komponiert.
Jesus sagt: solange ich hier wirke, ist noch Licht. Dann wird es dunkel.
Licht 
- Augen – sehend werden. Jesus als das Licht der Welt erkennen.
Ich denke, darum ging es Johannes vor allem in dieser Geschichte. Dass man für
den Glauben sehend werden muss. Wir wissen: der Glaube ist ein Geschenk.
Wie dieser Mann seine Augen sehend gemacht bekam. Ohne dass er darum
bat. Einfach so. Ein Geschenk.
Vielleicht auch deshalb diese Anspielung auf die Schöpfungstat Gottes: der
Glaube ist ein Geschenk. Dafür werden wir quasi neu erschaffen, damit wir
Gott sehen, fühlen und spüren können. Dafür braucht es eine Neuschöpfung
des Menschen, die nur Gott machen kann. Bei einem blind Geborenen fehlt der
Sehnerv. Wenn er sehend werden soll, muss eine Schöpfungstat erfolgen: ein
Sehnerv muss geschaffen werden. So auch beim Glauben: es muss etwas Neues
geschaffen werden als Geschenk. Ganz ohne Leistung unsererseits. Sie kennen
den Paulusvers (2. Korinther 5,17).: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue
Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“

Wir Glaubende sind Beschenkte, neu Geschaffene, Wunder.
In Vers 4 heißt es: Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat,
solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
Für mich ist das der Ruf in die Nachfolge. Normalerweise steht in solchen
Texten ein Ich für Jesus. Hier steht WIR.
Es ist ein Auftrag, Licht überall hin zu bringen. Durch ein Lächeln, ein
Aufmuntern, durch Hilfe, durch einfaches Wahrnehmen, mal anrufen, ein
Gebet für jemand sprechen.
Ihnen fällt sicher noch mehr ein, wie sie selbst Licht in die Welt bringen und
noch bringen möchten, oder wie Ihnen selbst Licht in Ihre Welt gebracht wird.
Miteinander leben, füreinander da sein, einander Licht bringen. Denn Jesus ist
das Licht der Welt. Amen.
"Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter!
Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer!
Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht!"
(Lothar Zenetti)